Nötigung ist erlaubt

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Heute durfte ich mal wieder erfahren, daß man beim "Staat" mit netten Worten nicht weiterkommt. Mein Vertrauen in die Polizei mußte auch wieder leiden. Beinahe hätte ich das erste Mal in meinem Leben eine Dienstaufsichtsbeschwerde geschrieben.

Was ist passiert? Ich bin mit dem Rennrad auf der Bergisch Gladbacher Straße gefahren. Beim Toys'R'Us hupte ein Auto hinter mir, überholt mich sehr knapp, scherte direkt vor mir ein und bremste.

Der Klassiker: Autofahrer möchte Radfahrer erziehen. An der roten Ampel stellte ich ihn zur Rede, meine Theorie wurde bestätigt: "Fahr' doch auf dem Radweg!", schnauzte er mich an. "Mitten auf der Straße bist du gefahren, direkt vor meinem Auto!" - ich hätte das eher als "Auto fuhr hinter Fahrrad" beschrieben, aber bei freier Auswahl des Relativsystems ist alles möglich!

An dieser Stelle gab ich ihm die Chance, sich für seine Tat zu entschuldigen, und die Sache auf sich beruhen zu lassen.

"Was? Du entschuldigst dich bei mir!" Wofür denn? "Na weil du mir vors Auto gefahren bist! Ich mußte bremsen!"

Diese Art von Logik kann man sich nicht ausdenken, so verquer ist sie.

Ich rief also die Polizei per 110. Die ließ fast eine Stunde auf sich warten. Klingelt mein Handy: Polizei ist dran. "Der Kollege fährt seit geraumer Zeit auf und ab und findet Sie nicht!" Stellt sich raus, die Zentrale hat Stille Post gespielt, und dem Polizisten Hausnummer siebenhundert-irgendwas in Dellbrück mitgteilt - von mir haben sie das nicht.

Der Polizist kommt auf dem Motorrad an. Benutzt aber nicht die Linksabbiegerspur, sondern fährt unnötigerweise mitten über die Kreuzung zu uns rüber. Ranzt mich an "Sie haben die falsche Hausnummer angegeben!" - ich: "Ich habe gar keine Hausnummer gesagt! Beim Küchen Smidt, gegenüber Aral und Burger King, am Autobahnzubringer."

Er hört sich meine Geschichte an, und die des Autofahrers. Der erzählt ganz entsetzt, daß der Radfahrer mitten auf der Spur gefahren ist! (auf der rechten von zweien, die linke war frei) Und da hat er halt auf der Mitte ebendieser Spur überholt, "und da hupte ich mal vorsichtshalber" (häh?). Die dafür nötige geometrische Überschneidung ist ihm nicht aufgefallen.

Klarer Fall, der Polizist folgert messerscharf: "Hier liegt gar keine Straftat vor! Das ist keine Nötigung!" Der Autofahrer grinst zufrieden. "Das ist maximal eine Ordnungswidrigkeit." Ich bestehe darauf, eine Strafanzeige aufzugeben, der Polizist weigert sich. Ich bestehe nochmal darauf, der Polizist weigert sich immer noch. Ich lasse mir seinen Namen und seine Dienstnummer geben.

Ich bekomme noch eine Belehrung: "Wenn ein Fahrradweg vorhanden ist, müssen Sie den auch benutzen!" - und hier haben wir ihn wieder, den polizeilichen Bildungsmangel. Dieser Polizist ist zu jung, um schon vor 1998 gedient zu haben, und lebt trotzdem noch in der Welt von 1997, als es noch eine allgemeine Radwegbenutzungspflicht gab. Den StVO-Paragraphen, den er mir nennt, ist falsch. Er läßt sich auf gar keine Diskussion ein, die Polizei hat immer recht. Und wenn sie nicht recht hat, tritt der vorherige Satz in Kraft.

Ich verabschiede mich, murmele etwas von Dienstaufsichtsbeschwerde wegen der Weigerung, eine Strafanzeige anzunehmen.

Eine halbe Stunde später klingelt mein Handy: der Polizist ist dran, er hat mit seinem Chef geredet, er bietet mir an, doch eine Anzeige zu schreiben. Nur Ordnungswidrigkeit, aber er schreibt dazu, daß ich mir eine Strafanzeige wünsche. Das ist zwar Augenwischerei, ich akzeptiere aber, und sehe von der Beschwerde ab. Ich versuche nochmal, ihn davon zu überzeugen, daß die allgemeine Radwegbenutzungspflicht vor 13 Jahren abgeschafft wurde. Nichts zu machen, Fehler zugeben ist für den Polizisten tabu.

Ich erkläre ihm, daß ich bei der Polizei Schutz suche vor Selbstjustiz ausübenden Autofahrern. Er: "Dann fahren Sie doch einfach auf dem Fahrradweg!" Diese Rhetorik ist scheinbar auch bei der Polizei fest im Programm: wer nicht den Fahrradweg benutzt, ist selber schuld, wenn er umgefahren wird? Das sind die Leute, die mich beschützen sollen, und nicht nur daß sie das verweigern - nein, sie geben mir auch solche Ratschläge!

Aus Angst, daß meine Anzeige verschleppt oder nicht richtig gewürdigt wird, habe ich nun selber eine schriftliche Strafanzeige aufgegeben. Hoffentlich verläuft das nicht genauso im Sande wie meine anderen Anzeigen. Ohne Schutz durch den Staat sind Radfahrer Freiwild, die jeder nach Belieben nötigen kann. Ich habe die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, daß mutwillige Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer doch noch irgendwie irgendeine Konsequenz haben wird.

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